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In der Diskussion rund um das neue Datenportal govdata.de geht es vordergründig um dessen mangelhafte Umsetzung. Ein Nebenschauplatz scheint dabei aber auch die Schwierigkeit zu sein, sich als Gruppe von Open Data Anhängern selbst zu definieren. Abwechselnd bezeichnet man sich mal als Community, mal als Aktivisten und mal als Bewegung. Was unterscheidet diese Begriffe voneinander? Und noch wichtiger: Was sagt diese Unsicherheit über das Selbstbild der Beteiligten aus?

Community vs. Aktivsten vs. Bewegung

In einer gemeinsamen Erklärung bezeichnet man sich selbst als Open Data Community. Community bzw. Gemeinschaft ist in der Soziologie der allgemeine Oberbegriff für alle Formen der Vergemeinschaftung. Damit sind schlicht Gruppen von Menschen gemeint, die sich subjektiv einander zugehörig fühlen (Hepp 2011, 97). Star-Wars-Fanclubs, Diasporas, religiöse Sekten usw. sind genauso Communities wie soziale Bewegungen. Bezeichnet man sich selbst als Community, macht man also lediglich deutlich, dass man irgendwie zusammengehört. Die gemeinsame Erklärung zu govdata.de macht aber mehr als das, sie ist der Ausdruck eines gemeinsamen (politischen) Anliegens und kann dadurch Identität und Zusammenhalt stiften.

So gesehen ist es wohl passender, dass man sich an anderer Stelle als Open Data Aktivisten bezeichnet. Ein Aktivist setzt sich aktiv für die Durchsetzung bestimmter politischer Ziele ein. Eine Community aus Aktivisten wäre damit eine politische Vergemeinschaftung (Hepp 2011, 107). Deren Mitglieder fühlen sich konkreter aufgrund gemeinsamer politischer Ziele sowie gemeinsamer Aktionen zu deren Durchsetzung einander zugehörig.

Wie kann nun eine solche politische Vergemeinschaftung soziologisch korrekt von einer sozialen Bewegung unterschieden werden? Oft fällt die Unterscheidung schwer, da die Übergänge fließend sind. Jede soziale Bewegung ist eine politische Vergemeinschaftung, umgekehrt muss das aber nicht unbedingt der Fall sein. Die nach wie vor gängige Definition von sozialen Bewegungen stammt von Rucht (1994, 76–77):

Eine soziale Bewegung ist ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit den Mitteln des Protests […] herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist damit die Dauer – handelt es sich um ‘spontane’ oder nur kurzfristige Zweckgemeinschaften, oder um darüber hinausgehende Netzwerke, die über längere Zeiträume aufrecht erhalten werden und deren Beteiligte eine kollektive Identität bilden? Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal: Soziale Bewegungen werden klassischerweise als subpolitisch definiert – also als Gruppen, die außerhalb von politischen Institutionen und profitorientierten Unternehmen agieren.

Ein Blick auf die Liste der Erstunterzeichner aus der ‘Community’ vermittelt nicht gerade den Eindruck einer kurzfristigen Zweckgemeinschaft: Vertreter der Open Knowledge Foundation Deutschland, Wikimedia Deutschland, Digitale Gesellschaft, Chaos Computer Club und andere. Alles anerkannte NGOs, die sich seit Jahren netzpolitisch engagieren. Man könnte daher durchaus argumentieren, dass zumindest die Netzwerke aus NGOs und einzelnen Aktivisten, die sich schwerpunktmäßig mit Open Data beschäftigen, als Open Data Bewegung bezeichnet werden können. Sehr auffällig ist aber, dass der Begriff in der aktuellen Diskussion gemieden wird. Stattdessen bezeichnet man sich abwechselnd (scheinbar austauschbar) mal als Community, mal als Aktivisten. Diese Beobachtung ist keineswegs trivial und unwichtig – das Selbstbild der Beteiligten ist im Gegenteil sogar essentiell für die Bildung einer sozialen Bewegung mit kollektiver Identität.

Die ‘Open Data Bewegung’ – ein Unwort?

Der Grund für diese Verunsicherung dürfte nach wie vor Tom Slees vernichtende Kritik sein, in der er die ‘Open Data Bewegung’ als Witz bezeichnete und ihr den Status einer sozialen Bewegung absprach. Der Artikel löste auch im deutschsprachigen Raum eine Diskussion aus, die viele Open Data ‘Aktivisten’ in die Defensive brachte. Seitdem ist der Ausdruck ‘Open Data Bewegung’ negativ konnotiert. Meiner Meinung nach zu unrecht.

Schaut man sich Slees Kritik genauer an, ging es ihm vor allem um zwei Punkte: der Begriff schloss erstens Gruppen ein, die nicht dazugezählt werden sollten (Behörden, Unternehmen); zweitens würden sich Open Data Aktivisten nicht klar von Behörden und Unternehmen abgrenzen und so zu Steigbügelhaltern einer neoliberalen Agenda instrumentalisieren lassen. Interessanterweise können beide Punkte als Ausdruck mangelnder kollektiver Identität interpretiert werden: Man nimmt sich nicht als eigenständige Gruppierung wahr und hat daher Probleme, sich klar abzugrenzen.

Die gemeinsame Erklärung zeigt, dass sich dies nicht (mehr) der Fall ist. Man nimmt sich als eigenständige Instanz wahr und lässt sich auch nicht instrumentalisieren. Die von Slee angestoßene Diskussion scheint einerseits zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben. Andererseits scheint die negative Konnotierung des Begriffes ‘Open Data Bewegung’ die Aktivisten ihrer Sprache zu berauben. Warum ist das ein Problem?

Ohne entsprechende Vorstellung keine Gemeinschaft

In der aktuellen Diskussion rund um die Open Data Bewegung geht es nach wie vor um die Frage, ob es sie denn jetzt gibt, oder nicht. Dahinter scheint implizit die Annahme zu stehen, dass eine Open Data Bewegung nur dann existiert, wenn sie faktisch bzw. ‘objektiv’ greifbar wird, bspw. indem Soziologen mit einer Liste formaler Definitionskriterien losziehen und einen Faktencheck machen. Die Ironie daran: Eine soziale Bewegung wird erst dann Wirklichkeit, wenn die Beteiligten 1. auch daran glauben, dass sie existiert und sie sich 2. selbst als Teil dieser Bewegung wahrnehmen.

In der Soziologie bzw. Kommunikationswissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von einer ‘vorgestellten Gemeinschaft’ (Hepp 2011, 99–100). Die Idee dahinter ist, dass jede Gemeinschaft, die nicht direkt lokal erfahrbar ist (wie bspw. Dorfgemeinschaften), vorgestellt werden muss und damit auch als geteilte Vorstellung der Beteiligten beschrieben werden kann. Das gilt genauso für soziale Bewegungen wie bspw. für Fanclubs, Religionsgemeinschaften oder auch Nationen. Vorgestellte Gemeinschaften sind auf sich selbst rückbezogen, d.h., erst indem die Beteiligten sich selbst als Gemeinschaft wahrnehmen und entsprechend aufeinander bezogen handeln, lassen sie diese Gemeinschaft Wirklichkeit werden. Ein historisches Beispiel: Die Vorstellung eines deutschen Nationalstaates hat im 19. Jahrhundert wesentlich dazu beigetragen, dass dieser Realität wurde.

Der springende Punkt ist, dass die Vorstellungen der Beteiligten und die ‘objektive’ Wirklichkeit nicht voneinander getrennt werden können. Wie Charles Taylor (2004, 32) schreibt:

Because human practices are the kind of thing that makes sense, certain ideas are internal to them; one cannot distinguish the two in order to ask the question Which causes which?

Fazit

Wie Lorenz Matzat schreibt, diente die Diskussion rund um govdata.de der Auffrischung einer alten Erkenntnis: Es gibt unterschiedliche Interessen an Open Data und Open Government. Diese Auffrischung vor dem Hintergrund der gemeinsamen Erklärung kann auch als Möglichkeit für die ‘Community’ gesehen werden, sich noch deutlicher von anderen Gruppierungen abzugrenzen. Ohne klare Abgrenzung ist die Gefahr größer, instrumentalisiert zu werden. Wenn die Community den Begriff ‘Open Data Bewegung’ tabuisiert, steht sie sich meiner Meinung nach dabei selbst im Weg.

Literatur

Hepp, Andreas. 2011. Medienkultur: Die Kultur Mediatisierter Welten. 1. Auflage. Medien - Kultur - Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag.

Rucht, Dieter. 1994. Modernisierung Und Neue Soziale Bewegungen: Deutschland, Frankreich Und USA Im Vergleich. Theorie Und Gesellschaft, Bd. 32. Frankfurt ; New York: Campus.

Taylor, Charles. 2004. Modern Social Imaginaries. Public Planet Books. Durham: Duke University Press.


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